Urtei­le zu Mob­bing Schmer­zens­geld & Scha­dens­er­satz

Wel­che Mob­bing Urtei­le gibt es? Wer Scha­dens­er­satz oder Schmer­zens­geld wegen Mob­bing Gericht ein­klagt, muss Stol­per­stei­ne beach­ten. Hier lesen Sie, wie Sie Fal­len ver­mei­den – und mit wel­chen Urtei­len Sie sich durch­set­zen kön­nen.

Scha­dens­er­satz, Schmer­zens­geld oder Geld­ent­schä­di­gung – Höhe

Urtei­le, mit denen Mob­bing-Betrof­fe­ne Scha­dens­er­satz, Schmer­zens­geld oder Geld­ent­schä­di­gung zuge­spro­chen erhiel­ten:

Bun­des­ar­beits­ge­richt: Sorg­fäl­ti­ge Prü­fung unver­zicht­bar

Seit dem 16.05.2007 setzt das Bun­des­ar­beits­ge­richt deut­li­che Akzen­te – und zwar im Sin­ne des Betrof­fe­nen­schut­zes: Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­langt den Arbeits­ge­rich­ten und Lan­des­ar­beits­ge­rich­ten aus­drück­lich eine sorg­fäl­ti­ge, voll­stän­di­ge Sach­auf­klä­rung und eine ange­mes­se­ne recht­li­che Bewer­tung der oft schwie­ri­gen Mob­bing-Fäl­le ab. Am 16.05.2007 äußer­te sich das Bun­des­ar­beits­ge­richt erst­mals umfang­reich zum The­ma Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld bei Mob­bing – Urteil Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 16.05.2007 – 8 AZR 709/​06. Inzwi­schen hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt gezeigt, dass es bereit ist, bis­her übli­chen Abwim­me­lei­en der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te mit deut­li­chen Wor­ten ent­ge­gen­zu­tre­ten. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat des­halb seit dem Jahr 2007 eine Rei­he „miss­lun­ge­ner“ Urtei­le der Lan­des­ar­beits­ge­rich­te auf­ge­ho­ben. Zu den genann­ten „Abwim­me­lei­en“ erfah­ren Sie wei­ter unten mehr.

Mit dem Urteil vom 16.05.2007 hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt eine ers­te grund­le­gen­de Klä­rung ver­sucht. In die­sem Urteil wies das Bun­des­ar­beits­ge­richt völ­lig zutref­fend dar­auf hin, dass der Per­sön­lich­keits­schutz von Arbeit­neh­mern nicht erst dann ver­letzt wird, wenn Schi­ka­nen sich als sys­te­ma­ti­sches Mob­bing dar­stel­len. Das Gericht ver­wies dar­auf, dass die Per­sön­lich­keit und die Gesund­heit von Arbeit­neh­mern auch dann in viel­fa­cher Wei­se recht­lich geschützt sei, wenn (noch kein) Mob­bing vor­lie­ge – es sei des­halb unver­ständ­lich, war­um Arbeits­platz­kon­flik­te in der juris­ti­schen Fach­welt nahe­zu aus­schließ­lich unter dem Aspekt „Mob­bing“ dis­ku­tiert wür­den. Nicht hilf­reich sind nach Ansicht des Bun­des­ar­beits­ge­richts auch die ver­schie­de­nen „Mob­bing-Defi­ni­tio­nen“, die – so das Bun­des­ar­beits­ge­richt – unnö­tig kom­pli­ziert sei­en und in der Sache kei­ne zuver­läs­si­ge Hil­fe bei der Rechts­an­wen­dung gäben. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat damit zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Gerich­te bei Mob­bing fol­gen­des zu tun haben:

  • Die Gerich­te müs­sen einer­seits die ihnen vor­ge­tra­ge­nen Ein­zel­ak­te sorg­fäl­tig anhand der vor­han­de­nen Geset­ze zu bewer­ten (statt nur zu dis­ku­tie­ren, ob „sys­te­ma­ti­sches Mob­bing“ vor­liegt)
  • Die Gerich­te müs­sen dann, wenn sich eine Haf­tung des Arbeit­ge­bers oder Vor­ge­setz­ten anhand der Ein­zel­ak­te noch nicht ergibt, eine Gesamt­schau durch­füh­ren und klä­ren, ob die Teil­ak­te jeden­falls zusam­men genom­men als recht­lich ver­bo­te­ne Ver­let­zung der Per­sön­lich­keit oder der Gesund­heit zu wer­ten sind.

Bei der Bewer­tung der Ein­zel­ak­te ist zu beach­ten, dass das Bun­des­ar­beits­ge­richt seit lan­gem ver­schie­de­ne Fra­gen, die sich typi­scher­wei­se (auch) bei Mob­bing stel­len, längst geklärt hat – ohne den Begriff „Mob­bing“ zu ver­wen­den. So reicht es nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts für die Haf­tung des Arbeit­ge­bers bei­spiels­wei­se aus, dass eine Kün­di­gung (uner­kannt) rechts­wid­rig ist, wenn der Arbeit­ge­ber die Rechts­wid­rig­keit bei pflicht­ge­mä­ßer Aus­wer­tung der Rechts­la­ge hät­te erken­nen müs­sen:

Für­sor­ge­pflicht des Arbeit­ge­bers nach Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses – BAG, Urteil vom 31.10.1972, 1 AZR 11/​72

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu der Fra­ge, wann eine Arbeit­ge­ber­kün­di­gung wegen einer bereits erfolg­ten Auf­lö­sung des Arbeits­ver­hält­nis­ses unzu­läs­sig ist und der Arbeit­ge­ber dem Arbeit­neh­mer wegen der den­noch aus­ge­spro­che­nen Kün­di­gung zu Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld ver­pflich­tet ist.

Scha­dens­er­satz wegen recht­wid­ri­ger Kün­di­gung – BAG v. 17.07.2003

Scha­dens­er­satz bei unbe­rech­tig­ter Kün­di­gung: Haf­tung des Arbeit­ge­bers bei unzu­läs­si­ger Kün­di­gung + Arbeit­ge­ber muss Leis­tungs­nach­tei­le (Min­de­run­gen Arbeits­lo­sen­geld) nach rechts­wid­ri­ger Kün­di­gung als Scha­den erset­zen + Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 17.07.2003, 8 AZR 486/​02

Mob­bing – Urteil Bun­des­ar­beits­ge­richt vom 16.05.2007 – 8 AZR 709/​06

Wann Mob­bing zu Scha­dens­er­satz & Schmer­zens­geld führt … Schutz der Per­sön­lich­keit … Schutz vor Ver­let­zung der Gesund­heit des Arbeit­neh­mers … Umgang mit Mob­bing-Defi­ni­tio­nen

Wich­ti­ge Urtei­le der Arbeits­ge­rich­te und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te zum Mob­bing

Zurück­be­hal­tungs­recht bei Mob­bing, AG Frank­furt v. 26.08.1997

Wann der Arbeit­neh­mer ein Zurück­be­hal­tungs­recht wegen Mob­bing hat + Für­sor­ge­pflicht des Arbeit­ge­bers + Lan­des­ar­beits­ge­richt Frank­furt, Urteil vom 26.08.1997 – 7 Sa 535/​97.

Frist­lo­se Kün­di­gung wegen Mob­bing – LAG Thü­rin­gen, Urteil vom 15.02.2000, 5 Sa 102/​2000

Das 1. Grund­satz­ur­teil des LAG Thü­rin­gen zum Rechts­schutz bei Mob­bing… Wann der Arbeit­ge­ber einen mob­ben­den Vor­ge­setz­ten frist­los kün­di­gen darf… Lan­des­ar­beits­ge­richt Thü­rin­gen, Urteil vom 15.02.2000, 5 Sa 102/​2000.

Scha­dens­er­satz und Schmer­zens­geld bei Mob­bing – LAG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 05.03.2001, 15 Sa 160/​00

Das – recht skep­ti­sche – Urteil des Lan­des­ar­beits­ge­richts Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 05.03.2001.

Einst­wei­li­ge Ver­fü­gung wegen Mob­bing – LAG Thü­rin­gen, Ent­schei­dung vom 10.04.2001 – 5 Sa 403/​00

Das 2. Grund­satz­ur­teil zum Rechts­schutz bei Mob­bing… Rechts­schutz gegen Uner­laub­te arbeits­ver­trags­wid­ri­ge Beschäf­ti­gung zur Zer­mür­bung des Arbeit­neh­mers… Per­sön­lich­keits­recht des Arbeit­neh­mers… Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens bei Mobbing-Rechtsstreit…Landesarbeitsgericht Thü­rin­gen, Urteil vom 10.04.2001, 5 Sa 403/​2000.

Schmer­zens­geld & Scha­dens­er­satz wegen Mob­bing: Arbeits­ge­richt Ber­lin, Ent­schei­dung vom 08.03.2002 – 40 Ca 5746/​01

Mob­bing durch Seri­en-Abmah­nun­gen + Pflicht des Arbeit­ge­bers zur Rück­sicht­nah­me bei Krank­heit des Arbeit­neh­mers + Schmer­zens­geld und Scha­dens­er­satz bei Mob­bing +Scha­dens­er­satz für Gehalts­aus­fäl­le – Dif­fe­renz zwi­schen dem Brut­to­ge­halt und Net­to-Kran­ken­geld als Scha­den Urteil des Arbeits­ge­richts Ber­lin vom 08.03.2002, 40 Ca 574601. In die­sem Ver­fah­ren waren wir Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Mob­bing-Opfers.

15.000 DM Schmer­zens­geld: LAG Rhein­land-Pfalz v. 16.08.2001

Scha­dens­er­satz & Schmer­zens­geld wegen Mob­bing: Ver­ur­tei­lung zu 15.000,- DM Schmer­zens­geld wegen Mob­bing… Lan­des­ar­beits­ge­richt Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 16.08.2001 – 6 Sa 415/​01.

LAG Baden-Würt­tem­berg v. 05.03.2003

Scha­dens­er­satz & Schmer­zens­geld bei Mob­bing: Zum Scha­dens­er­satz bei Mob­bing + Schmer­zens­geld nur bei Kör­per­ver­let­zung, Gesund­heits­ver­let­zung oder schwe­rer Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts des Arbeit­neh­mers + Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 05.03.2000, 15 Sa 160/​00.

Arbeits­ge­richt Dres­den, v. 07.07.2003

Schmer­zens­geld & Ent­schä­di­gung bei Mob­bing: Per­sön­lich­keits­recht des Arbeit­neh­mers + 25.000 Euro Geld­ent­schä­di­gung wegen Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts des Mob­bing-Opfers + 15.000 Euro Schmer­zens­geld für Mob­bing-Opfer + Scha­dens­er­satz bei Mob­bing + Haf­tung des Arbeit­ge­bers für Mob­bing + Arbeits­ge­richt Dres­den, Urteil vom 07.07.2003, 5 Ca 5954/​02

LAG Thü­rin­gen, Urteil vom 28.06.2005 – 5 Sa 63/​04

Mob­bing durch Kün­di­gung und Abmah­nung… Ein­hal­tung der Men­schen­wür­de am Arbeits­platz… Per­sön­lich­keits­rechts­ver­let­zung durch Mob­bing… Ver­pflich­tung der Gerich­te zu effek­ti­vem Rechts­schutz gegen Mob­bing… LAG Thü­rin­gen, Urteil vom 28.06.2005 – 5 Sa 63/​04.

Arbeits­ge­richt Eisen­ach, Urteil vom 30.08.2005 – 3 Ca 1226/​03

Haf­tung für Mob­bing­schä­den… Nach­weis: Wel­chen Beweis­wert ein ärzt­li­ches Attest hat… Scha­dens­er­satz, Schmer­zens­geld und Geld­ent­schä­di­gung wegen Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts sind zusätz­lich zu ein­an­der zu zah­len, Mob­bing Scha­den­er­satz ArbG Eisen­ach, Urteil vom 30.08.2005 – 3 Ca 1226/​03.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Urteil vom 12.10.2005 – 6 Sa 2132/​03

24.000 Euro Schmer­zens­geld für Depres­si­on nach erlit­te­ner Belei­di­gung… Arbeit­ge­ber­haf­tung für Belei­di­gung des Arbeit­neh­mers: 24.000 Euro Schmer­zens­geld… Kei­ne Haf­tungs­ent­las­tung des Arbeit­ge­bers, wenn Arbeit­neh­mer­we­gen einer nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­struk­tur auf Beschimp­fun­gen und Her­ab­set­zun­gen beson­ders anfäl­lig reagiert… Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, Urteil vom 12.10.2005, 6 Sa 2132/​03.

Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 7.11.2005 – 7 Sa 520/​05

Scha­dens­er­satz nach Belei­di­gun­gen und Dro­hun­gen durch den Per­so­nal­lei­ter. Haf­tung des Arbeit­ge­bers für rechts­wid­ri­ge Belei­di­gun­gen und Dro­hun­gen des Per­so­nal­lei­ters. Unbe­schränk­te Haf­tung des han­deln­den Täters für Ver­dienst­aus­fall bei Arbeits­lo­sig­keit. Hes­si­sches Lan­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 7.11.2005 – 7 Sa 520/​05.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 12.06.2006 – 4 Sa 68/​05

Ver­ur­tei­lung zu 25.000,00 Euro Schmer­zens­geld für ver­trags­wid­ri­ge Beschäf­ti­gung einer Füh­rungs­kraft und län­ge­rer Nicht­be­schäf­ti­gung. Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 12.06.2006 – 4 Sa 68/​05, Vor­in­stanz: Arbeits­ge­richt Stutt­gart, Urteil vom 30.11.2005 – 2 Ca 8178/​04

Bun­des­ge­richts­hof, Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt

Amts­haf­tung für Mob­bing: BGH v. 01.08.2002

Amts­haf­tung & Mob­bing durch Beam­te: Wenn ein Poli­zei­be­am­ter im Rah­men der gemein­sa­men Dienst­aus­übung durch sei­nen Vor­ge­setz­ten sys­te­ma­tisch und fort­ge­setzt schi­ka­niert und belei­digt wird (Mob­bing), haf­tet der Dienst­herr des Schä­di­gers nach Amts­haf­tungs­grund­sät­zen auf Scha­dens­er­satz. Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 01.08.2002, III ZR 277/​01.

Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen mob­ben­den Vor­ge­setz­ten, VerwG v. 11. Juni 2002

Mob­bing bei der Bun­des­wehr: Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren gegen Vor­ge­setz­ten… Demü­ti­gung, Ernied­ri­gung bzw. ehr­ver­let­zen­de Behand­lung unter­ge­be­ner Sol­da­ten durch einen Vor­ge­setz­ten als geziel­tes „Mob­bing“… Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 11. Juni 2002, 2 WD 38.01.

Schwie­rig­kei­ten eini­ger Gerich­te mit Mob­bing – Sach­wid­ri­ge Abwim­me­lei­en

Zunächst zu der „miss­lun­ge­nen“ Recht­spre­chung. Vie­le Urtei­le zu Mob­bing-Fra­gen fie­len in den letz­ten Jah­ren für Betrof­fe­ne ent­täu­schend aus. Dies liegt nicht etwa nur an Beweis­schwie­rig­kei­ten. Hin­zu kam, dass vie­le Rich­ter Vor­be­hal­te hat­ten und Strei­tig­kei­ten am Arbeits­platz nicht als Mob­bing wer­ten moch­ten. Von einer ernst­haf­ten und sorg­fäl­ti­gen Behand­lung der oft schwie­ri­gen Mob­bing­fäl­le konn­te in der Pra­xis der Arbeits­ge­rich­te und Lan­des­ar­beits­ge­richt – bis­her – oft nicht die Rede sein. Wäh­rend eini­ge Gerich­te zutref­fend for­der­ten, Schi­ka­nen müs­se ent­schlos­sen ent­ge­gen­ge­tre­ten wer­den (etwa: 5. Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Thü­rin­gen) waren ande­re Gerich­te der Auf­fas­sung, Arbeits­platz­kon­flik­te dürf­ten gewis­ser­ma­ßen „grund­sätz­lich“ nicht zur Haf­tung der han­deln­den Vor­ge­setz­ten oder Arbeit­ge­ber füh­ren. Die­se Gerich­te waren in ihren Urtei­len bemüht, mit einer Viel­zahl selt­sa­mer, teil­wei­se offen abwe­gi­ger Rechts­kon­struk­tio­nen, die Haf­tung von Vor­ge­setz­ten und Arbeit­ge­bern für recht­wid­ri­ge Schi­ka­nen zu ver­hin­dern. Um die­ses Ziel zu errei­chen, wichen die Gerich­te zu Las­ten der Betrof­fe­nen selbst von grund­le­gen­den Stan­dards der Haft­pflicht­recht­spre­chung und von der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts groß­zü­gig ab. Mei­nes Erach­tens sind die dabei zwangs­läu­fig auf­tre­ten­den Wider­sprü­che zur aner­kann­ten Rechts­la­ge der­art groß, dass von einer Ver­wei­ge­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes gespro­chen wer­den darf. Fol­gen­de Fehl­ur­tei­le zum Mob­bing illus­trie­ren die Lage:

  • Eini­ge Lan­des­ar­beits­ge­rich­te wol­len eine Haf­tung von Vor­ge­setz­ten mit der Begrün­dung ver­mei­den, Vor­ge­setz­te haf­te­ten nur, wenn sie aus nied­ri­gen Moti­ven einen ein­zel­nen Arbeit­neh­mer mit sys­te­ma­ti­schen Schi­ka­nen „fer­tig mach­ten“ woll­ten.
  • Eini­ge Gerich­te sind ohne nähe­re recht­li­che Begrün­dung der Auf­fas­sung, rechts­wid­ri­ge Rechts­maß­nah­men von Vor­ge­set­zen soll­ten ein­fach grund­sätz­lich nicht mehr als haf­tungs­be­grün­den­de Ver­let­zungs­hand­lun­gen (§ 280 BGB) aner­kannt wer­den. Dies ent­schied das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nürn­berg für den Fall rechts­wid­ri­ger Arbeits­an­wei­sun­gen (LAG Nürn­berg 6 (3) Sa 154/​01), das Lan­des­ar­beits­ge­richt Köln für rechts­wid­ri­ge Abmah­nun­gen (LAG Köln vom 07.01.1998, 2 Sa 1014/​97).
  • Mob­bing wird von eini­gen Gerich­ten zu einem „kom­mu­ni­ka­ti­ven Lebens­ri­si­ko“ zu erklärt, das im rea­len Leben zwar unaus­rott­bar vor­kom­me – aber nicht jus­ti­zia­bel sei. Die Gerich­te könn­ten des­halb zum Schutz des Betrof­fe­nen lei­der nichts tun. So mein­te das Arbeits­ge­richt Köln, die Aus­gren­zung eines als wenig leis­tungs­fä­hig ange­se­he­nen Arbeit­neh­mers durch des­sen Kol­le­gen sei angeb­lich recht­lich „sozi­al adäquat“. Die fest­ge­stell­ten Schi­ka­nen könn­ten nicht zur Haf­tung füh­ren, denn es ent­spre­che nun ein­mal der Lebens­wirk­lich­keit im Arbeits­le­ben, dass Arbeit­neh­mer, die sich durch einen weni­ger leis­tungs­fä­hi­gen Kol­le­gen in ihrer eige­nen Arbeit beein­träch­tigt füh­len, den Ein­druck hät­ten, Defi­zi­te durch eige­ne Mehr­leis­tun­gen aus­glei­chen zu müs­sen, es zum Kon­flikt und Aus­gren­zun­gen käme (ArbG Köln vom 9.7.2002 – 8 Ca 3274/​02 – n.v., zitiert nach Thü­rin­ger LAG 5 Sa 63/​04). Die ers­te Kam­mer des Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richts (Thü­rin­ger LAG v. 10.6.2004 – 1 Sa 148/​01) ent­schied, Arbeits­platz­kon­flik­te gehör­ten zu einem „kom­mu­ni­ka­ti­ven Lebens­ri­si­ko“, das einer gericht­li­chen Ein­fluss­nah­me lei­der „ent­zo­gen“ sei. Sys­te­ma­ti­sche und ziel­ge­rich­te­te Anfein­dun­gen im Sin­ne von Mob­bing lägen selbst dann nicht vor, wenn es in der Kon­flikt­si­tua­ti­on zu einer Eska­la­ti­on kom­me, auf die der Arbeit­ge­ber mit einem „nicht mehr sozi­al­ad­äqua­ten Exzess“ reagie­re. Betrof­fe­ne Arbeit­neh­mer müss­ten die Fol­gen eben hin­neh­men. Mit die­ser Sicht­wei­se stell­te sich die ers­te Kam­mer des Thü­rin­ger Lan­des­ar­beits­ge­richts demons­tra­tiv gegen die aner­kann­te Mob­bing­schutz-Recht­spre­chung der fünf­ten Kam­mer des Lan­des­ar­beits­ge­richts Thü­rin­gen. Die fünf­te Kam­mer trat in ver­schie­de­nen Urtei­len (sie­he oben) nach­drück­lich dafür ein, Mob­bing-Opfern effek­ti­ven Rechts­schutz zu gewäh­ren.
  • Eini­ge Lan­des­ar­beits­ge­rich­te mei­nen ohne nähe­re recht­li­che Begrün­dung, Schi­ka­nen führ­ten nur dann zur Haf­tung, wenn der Betrof­fe­ne dar­le­gen und bewei­sen kön­ne, dass der han­deln­de Arbeit­ge­ber oder Vor­ge­setz­te sub­jek­tiv mit der Absicht gehan­delt hät­te, gera­de den Betrof­fe­nen indi­vi­du­ell „fer­tig zu machen“ (LAG Rhein­land-Pfalz 2 Ta 12/​04; LAG Schles­wig-Hol­stein 3 Sa 542/​03). Eine Haf­tung sei selbst dann aus­ge­schlos­sen, wenn ein Vor­ge­setz­ter, dem ele­men­ta­re Fähig­kei­ten für die Füh­rung von Men­schen, fehl­ten, durch unbe­herrsch­tes Ver­hal­ten ein uner­träg­li­ches Arbeits­kli­ma erzeu­ge wes­halb nicht nur einer son­dern sogar ver­schie­dens­te nach­ge­ord­ne­te Arbeit­neh­mer erkran­ken (LAG Rhein­land-Pfalz 2 Ta 12/​04). Wer als Vor­ge­setz­ter die gesam­te Abtei­lung krank macht und nicht nur einen ein­zel­nen Arbeit­neh­mer, der soll mit­hin nicht haf­ten müs­sen und auch der Arbeit­ge­ber, der gegen einen sol­chen Vor­ge­setz­ten nicht ein­schrei­tet, soll sich recht­mä­ßig ver­hal­ten. Ich hal­te die­se Sicht­wei­se für – es muss so deut­lich gesagt wer­den – men­schen­ver­ach­tend.
  • Oder: Der betrof­fe­ne Arbeit­neh­mer müs­se dar­stel­len und bewei­sen (was er natür­lich nicht kann), dass die gegen ihn han­deln­den Per­so­nen sub­jek­tiv aus ver­werf­li­chen Moti­ven her­aus han­del­ten, etwa Neid, Miss­gunst oder sadis­ti­schen Moti­ven (LAG Schles­wig-Hol­stein 3 Sa 542/​03, LAG Ber­lin 18 Sa 2299/​02).
  • Oder: Ein Arbeit­ge­ber oder Vor­ge­setz­ter habe solan­ge nicht schuld­haft gehan­delt, wie er sub­jek­tiv nicht vor­her­ge­se­hen habe, dass sein Ver­hal­ten bei dem Betrof­fe­nen zu einer Gesund­heits­schä­di­gung oder einem ande­ren Schä­den füh­ren könn­te (LAG Hamm 13 (5) Sa 256/​05; LAG Ber­lin 16 Sa 2280/​03, LAG Ber­lin 19 Sa 940/​02). Die fast gro­tes­ke Unhalt­bar­keit die­ser Sicht­wei­se wird – mei­nes Erach­tens – sehr ein­fach belegt indem man sie auf den Stra­ßen­ver­kehr über­trägt: Wer bei Rot mit geschlos­se­nen Augen über die Kreu­zung fährt müss­te nicht haf­ten: Er weiß zwar, dass er sich rechts­wid­rig ver­hält (Rot­licht­ver­stoß) – sieht aber nicht den exak­ten Unfall­ver­lauf vor­aus.
  • Wei­ter: Geziel­te Her­ab­wür­di­gun­gen im Sin­ne von Mob­bing sol­len nach einer wei­te­ren Ansicht auch dann nicht fest­stell­bar sein, wenn der Arbeit­ge­ber dem Betrof­fe­nen nicht aus­schließ­lich und durch­ge­hend mit Gering­schät­zung begeg­ne, son­dern zwi­schen den ein­zel­nen Belas­tungs­maß­nah­men sich gele­gent­lich auch ein­mal höf­lich oder gar freund­lich ver­hält (LAG Ber­lin 26.08.2005, 6 Sa 633/​05).
  • Und wei­ter: Den Arbeit­ge­ber tref­fe kei­ner­lei Pflicht, das Ver­hal­ten der von ihm beschäf­tig­ten Vor­ge­setz­ten dar­auf zu über­prü­fen, ob die­se gegen­über unter­stel­len Arbeit­neh­mern rechts­wid­rig han­del­ten. Erteil­ten Vor­ge­setz­te etwa rechts­wid­ri­ge Wei­sun­gen, haf­te der Arbeit­ge­ber dem­ge­mäß nicht (LAG Rhein­land-Pfalz 7 Ta 25/​04, LAG Nürn­berg 6 (3) Sa 154/​01). Das Gegen­teil ist rich­tig: Arbeit­ge­ber haf­ten für Vor­ge­setz­te auch dann, wenn sie vom Ver­hal­ten der Vor­ge­setz­ten nicht wis­sen. Dies folgt aus § 278 BGB.

Es han­delt sich bei alle­dem um Abwim­me­lei. Die­se genann­ten Ent­schei­dun­gen und „Argu­men­te“ wei­chen von gel­ten­den Stan­dards des Haft­pflicht­rechts ab. Ich hal­te sie im Ergeb­nis für ver­fas­sungs­wid­rig, weil sie dar­auf abzie­len, den Betrof­fe­nen effek­ti­ven Recht­schutz zu ver­wei­gern. Die vor­ge­brach­ten Argu­men­te las­sen sich zum Teil nicht ein­mal auf Rechts­vor­schrif­ten zurück­füh­ren, häu­fig ste­hen sie in Wider­spruch zur Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts oder zur Haft­pflicht­recht­spre­chung der Zivil­ge­rich­te.

Erfolgs­fak­to­ren für Haft­pflicht­pro­zes­se wegen „Mob­bing“.

Wer einen Pro­zess wegen „Mob­bing“ füh­ren will, muss sich sehr sorg­fäl­tig vor­be­rei­ten. Ein Mob­bing­pro­zess, mit dem Scha­dens­er­satz, Schmer­zens­geld oder eine Ent­schä­di­gung wegen der Ver­let­zung des Per­sön­lich­keits­rechts gel­tend gemacht wer­den soll hat aus mei­ner Sicht ins­be­son­de­re fol­gen­de Erfolgs­kri­te­ri­en zu berück­sich­ti­gen:

  • Exak­te Sach­dar­stel­lung: Der Sach­ver­halt muss zeit­lich, ört­lich und sach­lich geord­net und genau dar­stell­bar sein. Flos­keln und pla­ka­tiv blei­ben­de Äuße­run­gen sind sinn­los: Das Gericht darf sie nicht ver­wer­ten. Bei­spiel: „Immer wie­der wur­de ich auf das Übels­te beschimpft“ – ist inhalt­los. Es bleibt offen, wer wann auf wel­che Wei­se und mit wel­chem Inhalt han­del­te.
  • Tat­sa­chen statt Mei­nun­gen: Der dem Gericht dar­ge­stell­te Sach­ver­halt muss „für sich spre­chen“. Wenn es not­wen­dig ist, ver­stär­ken­de Adjek­ti­ve und Schlag­wor­te („mas­siv“, „Mob­bing“, usw.) zu ver­wen­den, dann spricht der Sach­ver­halt noch nicht für sich. Rich­ter mögen ver­ba­le Ver­stär­kun­gen nicht: Das Gericht benö­tigt für sei­ne Arbeit Tat­sa­chen und kei­ne Mei­nun­gen. Sei­ne Mei­nung will es sich selbst bil­den. Tipp: Tes­ten Sie, wie Ihre Sach­dar­stel­lung ohne die Begrif­fe „Mob­bing“, „mas­siv“, ohne Adjek­ti­ve, Adver­bi­en und Aus­ru­fe­zei­chen wirkt.
  • Recht­li­ches Hand­werks­zeug: Die Erfah­rung zeigt: Den Gerich­ten oft müs­sen geeig­ne­te recht­li­che Hin­wei­se gege­ben wer­den. Vie­le Arbeits­ge­rich­te und Lan­des­ar­beits­ge­rich­te ken­nen die bei „Mob­bing“ wich­ti­gen Details der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts, des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht genü­gend. Haft­pflicht­recht gehört nicht zu den Berei­chen, die ein Arbeits­rich­ter stan­dard­mä­ßig „rich­tig“ zu hand­ha­ben weiß. Dies gilt erst recht für Fra­gen des Beweis­rechts bei Gesund­heits­schä­den. Ihr Rechts­an­walt soll­te in der Lage sein, dem Gericht die höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung im Detail zu benen­nen.

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