Kün­di­gung wegen Ein­stel­lung bil­li­ge­rer Arbeit­neh­mer: Bun­des­ar­beits­ge­richt, 2 AZR 636/01

Miss­brauchs­kon­trol­le: Kün­di­gung wegen Ein­stel­lung bil­li­ge­rer Arbeit­neh­mer kann Miss­brauch sein. Kün­di­gung wegen der Ver­ga­be von Arbeits­auf­ga­ben an eine Organ­ge­sell­schaft bei im wesent­li­chen gleich blei­ben­den Arbeits­auf­ga­ben mit dem Ziel neue und bil­li­ge­re Arbeit­neh­mer ein­zu­stel­len.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 26.09.2002 – 2 AZR 636/01

Leit­sät­ze (von Rechts­an­walt Busch­mann):

  1. Zu der ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten unter­neh­me­ri­schen Frei­heit gehört grund­sätz­lich auch das Recht des Unter­neh­mers, sein Unter­neh­men auf­zu­ge­ben, selbst dar­über zu ent­schei­den, wel­che Grö­ßen­ord­nung es haben soll und fest­zu­le­gen, ob bestimm­te Arbei­ten wei­ter im eige­nen Betrieb aus­ge­führt oder an Sub­un­ter­neh­mer ver­ge­ben wer­den sol­len.
  2. Die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit gilt jedoch nicht schran­ken­los. Die Berufs­frei­heit des Art. 12 Abs. 1 GG schützt nicht nur die unter­neh­me­ri­sche Frei­heit, son­dern gewährt auch einen Min­dest­be­stands­schutz für den Arbeit­neh­mer.
  3. Die Gerich­te haben des­halb von Ver­fas­sungs wegen zu prü­fen, ob von ihrer Rechts­an­wen­dung im Ein­zel­fall das Grund­recht des Art. 12 Abs. 1 GG berührt wird. Trifft das zu, dann haben die Gerich­te die Vor­schrif­ten des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes im Lich­te der Grund­rech­te aus­zu­le­gen und anzu­wen­den (BVerfG vom 8. 7. 1997 – 1 BvR 2111/94 -, 1 BvR 195/95 – und – 1 BvR 2189/95 – BVerfG 96, 171; vom 27. 1. 1998 – 1 BvL 15/87 – BVerfG 97, 169; vom 21. 2. 1995 – 1 BvR 1397/93 – BVerfG 92, 140; vom 19. 3. 1998 – 1 BvR 10/97 – NZA 1998, 587; BAG vom 21. 2. 2001 – 2 AZR 15/00 – AP Nr. 12 zu § 242 BGB Kün­di­gung = BAG 97, 92).Bei der Anwen­dung des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes auf an sich “freie” Unter­neh­mer­ent­schei­dun­gen ist stets eine ein­ge­schränk­te Prü­fung des unter­neh­me­ri­schen Kon­zepts vor­zu­neh­men, da bei einer schran­ken­lo­sen Hin­nah­me jeg­li­cher unter­neh­me­ri­schen Ent­schei­dung als bin­dend für den Kün­di­gungs­schutz­pro­zess der Kün­di­gungs­schutz der Arbeit­neh­mer teil­wei­se leer­lau­fen wür­de. Die unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung ist stets dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie offen­sicht­lich unsach­lich, unver­nünf­tig oder will­kür­lich ist (BAG 30. April 1987 – 2 AZR 184/86 – BAGE 55, 262).
  4. Außer­dem fin­det eine Miss­brauchs­kon­trol­le statt. Die­se Miss­brauchs­kon­trol­le hat sich unter ande­rem dar­an zu ori­en­tie­ren, dass durch die Wer­tung der Will­kür und des Miss­brauchs der ver­fas­sungs­recht­lich gefor­der­te Bestands­schutz nicht unan­ge­mes­sen zurück­ge­drängt wird. Neben Ver­stö­ßen gegen gesetz­li­che und tarif­li­che Nor­men (BAG 26.9.2002, 2 AZR 636/01, BAG 18. Dezem­ber 1997 – 2 AZR 709/96 – BAGE 87, 327) zäh­len hier­zu vor allem Umge­hungs­fäl­le.
  5. Zwar ist die Unter­neh­mer­ent­schei­dung des Betrei­bers eines Kran­ken­hau­ses, bestimm­te Teil­be­rei­che (Küche, Rei­ni­gungs­dienst) nicht mehr durch eige­ne Arbeits­kräf­te wahr­neh­men zu las­sen, son­dern damit ein Dritt­un­ter­neh­men zu beauf­tra­gen, grund­sätz­lich nicht auf ihre sach­li­che Recht­fer­ti­gung oder ihre Zweck­mä­ßig­keit zu über­prü­fen.
  6. Es ist jedoch rechts­miss­bräuch­lich, wenn der Arbeit­ge­ber ein unter­neh­me­ri­sches Kon­zept zur Kos­ten­re­du­zie­rung wählt, das fak­tisch nicht zu Ände­run­gen in den betrieb­li­chen Abläu­fen, jedoch bei allen Arbeit­neh­mern der betrof­fe­nen Abtei­lun­gen zum Ver­lust ihres Arbeits­plat­zes führt, obwohl nach wie vor ein – allen­falls mög­li­cher­wei­se redu­zier­ter – Beschäf­ti­gungs­be­darf besteht. Die Ent­schei­dung des Unter­neh­mers, einen Betriebs­teil durch eine noch zu grün­den­de, finan­zi­ell, wirt­schaft­lich und orga­ni­sa­to­risch in sein Unter­neh­men voll ein­ge­glie­der­te Organ­ge­sell­schaft mit von die­ser neu ein­zu­stel­len­den Arbeit­neh­mern wei­ter betrei­ben zu las­sen, stellt kein drin­gen­des betrieb­li­ches Erfor­der­nis im Sin­ne von § 1 Abs. 2 KSchG dar, den in die­sem Betriebs­teil bis­her beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern zu kün­di­gen, wenn die Wahl die­ser Orga­ni­sa­ti­ons­form in ers­ter Linie dem Zweck dient, den Arbeit­neh­mern der betrof­fe­nen Berei­che ihren Kün­di­gungs­schutz zu neh­men und sich von ihnen „frei“ zu tren­nen, damit die Arbeit in Zukunft von ande­ren, schlech­ter bezahl­ten Arbeit­neh­mern ver­rich­tet wird.

Anmer­kung von Rechts­an­walt Busch­mann:

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt setzt mit die­ser Ent­schei­dung sei­ne Recht­spre­chung zur Miss­brauchs­kon­trol­le bei betriebs­be­ding­ter Kün­di­gung fort (BAG vom 30. 4. 1987 – 2 AZR 184/86 und vom 17. 6. 1999 – 2 AZR 141/99).

Im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess obliegt es dem Arbeit­ge­ber, die unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung, die Aus­wir­kun­gen der geplan­ten Maß­nah­me auf die Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keit und die arbeits­recht­li­che Zuläs­sig­keit der Maß­nah­me im Detail nach­voll­zieh­bar dar­zu­le­gen und unter Beweis zu stel­len. Die Arbeits­ge­rich­te könn­ten die Kün­di­gung sonst nicht pflicht­ge­mäß über­prü­fen und ver­stie­ßen so gegen ihre ver­fas­sungs­recht­li­chen Pflich­ten. Dies hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt bereits frü­her ähn­lich gese­hen. Es ist den Arbeits­ge­rich­ten nicht erlaubt, sich bei der Über­prü­fung der behaup­te­ten Unter­neh­mer­ent­schei­dung mit vor­der­grün­dig plau­si­blen Erklä­run­gen, unge­nau­en oder gar pau­scha­len Dar­stel­lun­gen des Arbeit­ge­bers zufrie­den zu geben (BAG vom 26.9.2002, 2 AZR 636/01 – der ver­fas­sungs­recht­lich gefor­der­te Bestands­schutz wür­de sonst unan­ge­mes­sen zurück­ge­drängt und teil­wei­se leer­lau­fen (BAG vom 26.9.2002, 2 AZR 636/01).

Wie streng die Kün­di­gung vor den Arbeits­ge­rich­ten spä­ter über­prüft wird, lässt sich meist nicht sicher vor­her­se­hen. Die Pra­xis der Arbeits­ge­rich­te gesteht dem Arbeit­ge­ber im Kün­di­gungs­schutz­pro­zess oft still­schwei­gend einen etwas grö­ße­ren Hand­lungs­spiel­raum zu, als das Bun­des­ar­beits­ge­richt es for­dert. Man­cher Arbeits­rich­ter neig­te bis­her dazu, dem Arbeit­ge­ber bei vor­der­grün­dig “plau­si­bel” wir­ken­den Kün­di­gun­gen mit Nach­sicht wei­ter­zu­hel­fen und unge­naue Erläu­te­run­gen des Kün­di­gungs­grunds durch den Arbeit­ge­ber hin­zu­neh­men. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt brand­markt eine sol­che Nach­sich­tig­keit kur­zer­hand als “ver­fas­sungs­wid­rig” und for­dert die Arbeits­ge­rich­te zu einer detail­lier­ten Prü­fung auf – ein­schließ­lich aller Aspek­te, die auf Miss­brauch bei der Kün­di­gung hin­deu­ten. Es wird zu beob­ach­ten sein, wie die die Arbeits­ge­rich­te die­se vom Bun­des­ar­beits­ge­richt gefor­der­ten stren­gen Maß­stä­be in die Pra­xis umset­zen.

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