Kün­di­gungs­schutz im Klein­be­trieb: Bun­des­ar­beits­ge­richt, 2 AZR 15/00

Kün­di­gungs­schutz im Klein­be­trieb, Min­dest­maß an sozia­ler Rück­sicht­nah­me. BGB § 242 Kün­di­gung, GG Art. 12, KSchG 1969 § 23

BAG, 2. Senat, Urteil vom 21.02.2001, 2 AZR 15/00 (Vor­in­stanz LAG Ber­lin)

Leit­sät­ze

  1. Soweit im Fall der Kün­di­gung unter meh­re­ren Arbeit­neh­mern eine Aus­wahl zu tref­fen ist, hat auch der Arbeit­ge­ber im Klein­be­trieb, auf den das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz kei­ne Anwen­dung fin­det, ein durch Art. 12 GG gebo­te­nes Min­dest­maß an sozia­ler Rück­sicht­nah­me zu wah­ren (BVerfGE 97, 169). Eine Kün­di­gung, die die­ser Anfor­de­rung nicht ent­spricht, ver­stößt gegen Treu und Glau­ben ( § 242 BGB) und ist des­halb unwirk­sam.
  2. Ist bei einem Ver­gleich der grund­sätz­lich von dem gekün­dig­ten Arbeit­neh­mer vor­zu­tra­gen­den Sozi­al­da­ten evi­dent, dass die­ser erheb­lich sozi­al schutz­be­dürf­tig ist als ein ver­gleich­ba­rer wei­ter­be­schäf­tig­ter Arbeit­neh­mer, so spricht dies zunächst dafür, dass der Arbeit­ge­ber das gebo­te­ne Min­dest­maß an sozia­ler Rück­sicht­nah­me außer acht gelas­sen hat. Setzt der Arbeit­ge­ber dem schlüs­si­gen Sach­vor­trag des Arbeit­neh­mers wei­te­re (betrieb­li­che, per­sön­li­che etc.) Grün­de ent­ge­gen, die ihn zu der getrof­fe­nen Aus­wahl bewo­gen haben, so hat unter dem Gesichts­punkt von Treu und Glau­ben eine Abwä­gung zu erfol­gen. Es ist zu prü­fen, ob auch unter Ein­be­zie­hung der vom Arbeit­ge­ber gel­tend gemach­ten Grün­de die Kün­di­gung die sozia­len Belan­ge des betrof­fe­nen Arbeit­neh­mers in treu­wid­ri­ger Wei­se unbe­rück­sich­tigt lässt. Der unter­neh­me­ri­schen Frei­heit des Arbeit­ge­bers im Klein­be­trieb kommt bei die­ser Abwä­gung ein erheb­li­ches Gewicht zu.

Ori­en­tie­rungs­sät­ze der Rich­ter und Rich­te­rin­nen des BAG:

  1. Soweit im Fall der Kün­di­gung unter meh­re­ren Arbeit­neh­mern eine Aus­wahl zu tref­fen ist, hat auch der Arbeit­ge­ber im Klein­be­trieb, auf den das Kün­di­gungs­schutz­ge­setz kei­ne Anwen­dung fin­det, ein durch Art. 12 GG gebo­te­nes Min­dest­maß an sozia­ler Rück­sicht­nah­me zu wah­ren.
  2. Die Aus­wahl­ent­schei­dung des Arbeit­ge­bers kann in der Regel nur dar­auf über­prüft wer­den, ob sie unter Berück­sich­ti­gung der Belan­ge des Arbeit­neh­mers am Erhalt sei­nes Arbeits­plat­zes und der dar­ge­leg­ten Inter­es­sen des Klein­un­ter­neh­mers gegen Treu und Glau­ben ver­stößt. Ein sol­cher Ver­stoß bei der Kün­di­gung des sozi­al schutz­be­dürf­ti­ge­ren Arbeit­neh­mers ist um so eher anzu­neh­men, je weni­ger bei der Aus­wahl­ent­schei­dung eige­ne Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers eine Rol­le gespielt haben. Hat der Arbeit­ge­ber kei­ne spe­zi­fi­schen eige­nen Inter­es­sen, einem bestimm­ten Arbeit­neh­mer zu kün­di­gen bzw. ande­ren ver­gleich­ba­ren Arbeit­neh­mern nicht zu kün­di­gen, und ent­lässt er gleich­wohl den Arbeit­neh­mer mit bei wei­tem der längs­ten Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit, dem höchs­ten Alter und den meis­ten Unter­halts­pflich­ten, so spricht alles dafür, dass der Arbeit­ge­ber bei sei­ner Ent­schei­dung das ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Min­dest­maß an sozia­ler Rück­sicht­nah­me außer acht gelas­sen hat. Bestehen ande­rer­seits der­ar­ti­ge betrieb­li­che, per­sön­li­che oder sons­ti­ge Inter­es­sen des Arbeit­ge­bers, so ist der durch § 242 BGB ver­mit­tel­te Grund­recht­schutz des Arbeit­neh­mers um so schwä­cher, je stär­ker die mit der Klein­be­triebs­klau­sel geschütz­ten Grund­rechts­po­si­tio­nen des Arbeit­ge­bers im Ein­zel­fall betrof­fen sind. In sach­li­cher Hin­sicht geht es vor allem dar­um, Arbeit­neh­mer vor will­kür­li­chen oder auf sach­frem­den Moti­ven beru­hen­den Kün­di­gun­gen zu schüt­zen.

Sie­he auch BVerfG vom 27. 1. 1998 – 1 BvL 15/87 – BVerfG 97, 169

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