Mob­bing bei der Bun­des­wehr – Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, 2 WD 38.01

Mob­bing bei der Bun­des­wehr: Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 11.06.2002, 2 WD 38.01

Demü­ti­gung, Ernied­ri­gung bzw. ehr­ver­let­zen­de Behand­lung unter­ge­be­ner Sol­da­ten durch einen Vor­ge­setz­ten; viel­schich­ti­ges „Belas­tungs­syn­drom“ mit tat­mil­dern­den Kom­po­nen­ten; Anfein­dun­gen des Sol­da­ten in sei­ner Ein­heit mit einem Aus­maß, das jene als geziel­tes „Mob­bing“ qua­li­fi­ziert. – GG Art. 1 Abs. 1; Zwei­tes Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­setz vom 24. Juni 1994 (BGBl. I 1994, S. 1406 [1412/13]) Art. 10 § 2 Abs. 2 Nr. 2; SG § 10 Abs. 3, 4, § 12 Satz 2, § 17 Abs. 2 Satz 1, § 23 Abs. 1; WStG §§ 30, 31

Leit­sät­ze (amt­lich):

  1. Zur Maß­nah­me­be­mes­sung bei unwür­di­ger, demü­ti­gen­der oder ehr­ver­let­zen­der Behand­lung Unter­ge­be­ner.
  2. Tat­mil­dern­de Kom­po­nen­ten eines viel­schich­ti­gen „Belas­tungs­syn­droms“ des Sol­da­ten sind zu sei­nen Guns­ten zu berück­sich­ti­gen.
  3. Dabei kön­nen Anfein­dun­gen des Sol­da­ten in sei­ner Ein­heit, die nach tatrich­ter­li­cher Fest­stel­lung nicht aus­zu­schlie­ßen sind, ein Aus­maß errei­chen, das sie als geziel­tes „Mob­bing“ qua­li­fi­ziert.
  4. In dienst­recht­li­cher Hin­sicht kann eine Zusam­men­schau eines Fehl­ver­hal­tens mit sons­ti­gen dienst­li­chen Erschwer­nis­sen erge­ben, dass dem Sol­da­ten sowohl eine see­li­sche Aus­nah­me­si­tua­ti­on als auch eine außer­ge­wöhn­li­che situa­ti­ons­be­ding­te Erschwer­nis der Erfül­lung sei­nes Auf­trags zuzu­bil­li­gen sind.

Leit­sät­ze (von Rechts­an­walt Busch­mann) :

  1. Nach Art. 1 Abs. 1 GG ist die Wür­de des Men­schen unan­tast­bar; sie zu ach­ten und zu schüt­zen, ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt. Die­ses Gebot gilt auch für die Streit­kräf­te als Teil der Exe­ku­ti­ve und bedarf im mili­tä­ri­schen Bereich mit sei­ner streng hier­ar­chi­schen Glie­de­rung sogar beson­de­rer Beach­tung. Wel­che Bedeu­tung der Gesetz­ge­ber dem Schutz Unter­ge­be­ner bei­misst, ergibt sich aus der Tat­sa­che, dass die Miss­hand­lung und ent­wür­di­gen­de Behand­lung Unter­ge­be­ner mit Frei­heits­stra­fe bedroht sind (§§ 30, 31 WStG).
  2. Die Für­sor­ge­pflicht (§ 10 Abs. 3 SG) gehört zu den vor­nehms­ten Pflich­ten eines Vor­ge­setz­ten gegen­über sei­nen Unter­ge­be­nen, die das Gefühl haben müs­sen, dass sie vom Vor­ge­setz­ten nicht nur als Befehls­emp­fän­ger betrach­tet, son­dern in ihrer Per­so­nen­wür­de geach­tet und mit mensch­li­cher Rück­sicht­nah­me behan­delt wer­den. Die Kame­rad­schafts­pflicht ist nicht min­der wich­tig; denn „der Zusam­men­halt der Bun­des­wehr beruht wesent­lich auf Kame­rad­schaft“ (§ 12 Satz 1 SG).
  3. Ein Vor­ge­setz­ter, der Unter­ge­be­ne kör­per­lich miss­han­delt oder ent­wür­di­gend behan­delt, begeht nicht nur eine Wehr­straf­tat, son­dern auch eine schwer­wie­gen­de Dienst­pflicht­ver­let­zung. Eine unwür­di­ge, demü­ti­gen­de oder ehr­ver­let­zen­de Behand­lung Unter­ge­be­ner ist für einen Sol­da­ten in Vor­ge­setz­ten­stel­lung stets ein sehr ernst zu neh­men­des Fehl­ver­hal­ten; sie ver­stößt gegen die Wehr­ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und gegen die Prin­zi­pi­en der Inne­ren Füh­rung der Bun­des­wehr.
  4. Ein Offi­zier oder Por­te­pee-Unter­of­fi­zier, der einen Unter­ge­be­nen kör­per­lich miss­han­delt, ent­wür­digt, demü­tigt oder ihm in vor­werf­ba­rer Wei­se, ins­be­son­de­re bös­wil­lig, den Dienst erschwert, dis­qua­li­fi­ziert sich in sei­ner Vor­ge­setz­ten­stel­lung, auch wenn für den Betrof­fe­nen dar­aus kei­ne unmit­tel­ba­re gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gung resul­tiert. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Senats hat daher in Fäl­len einer Miss­hand­lung, ent­wür­di­gen­den oder demü­ti­gen­den Behand­lung von Unter­ge­be­nen – auch aus gene­ral­prä­ven­ti­ven Grün­den – eine „rei­ni­gen­de Maß­nah­me“ Aus­gangs­punkt der Zumes­sungs­er­wä­gun­gen zu sein (vgl. Urtei­le vom 12. Juli 1990 – BVerwG 2 WD 4.90 – , vom 12. Juni 1991 – BVerwG 2 WD 53, 54.90 – , vom 20. August 1991 – BVerwG 2 WD 14.91 – , vom 18. März 1997 – BVerwG 2 WD 29.95 – m.w.N. und vom 19. Juli 2000 – BVerwG 2 WD 6.00 -).
  5. Die erfor­der­li­che und ange­mes­se­ne Maß­nah­me­art ist in der­ar­ti­gen Fäl­len eines Fehl­ver­hal­tens zu Las­ten Unter­ge­be­ner je nach sei­ner Eigen­art, Schwe­re und sei­nen Aus­wir­kun­gen regel­mä­ßig die Her­ab­set­zung im Dienst­grad. Soweit es sich um das Ver­sa­gen eines Sol­da­ten auf Zeit in Vor­ge­setz­ten­stel­lung han­delt, ist regel­mä­ßig die Her­ab­set­zung in einen Mann­schafts­dienst­grad in Betracht zu zie­hen, und soweit es sich um einen Berufs­sol­da­ten han­delt, kann sei­ne Dis­qua­li­fi­ka­ti­on als Vor­ge­setz­ter unter Umstän­den zur Ent­fer­nung aus dem Dienst­ver­hält­nis füh­ren. Wie der Senat wie­der­holt her­vor­ge­ho­ben hat, bedarf es in die­sen Fäl­len erheb­li­cher Mil­de­rungs­grün­de, um die Dienst­grad­her­ab­set­zung ledig­lich auf einen Dienst­grad zu beschrän­ken oder um von ihr über­haupt abse­hen zu kön­nen.

Zum Sach­ver­halt:

Ein Ober­stabs­feld­we­bel im Dienst­ver­hält­nis eines Berufs­sol­da­ten wur­de von der Trup­pen­dienst­kam­mer eines Dienst­ver­ge­hens für schul­dig befun­den und unter Ver­kür­zung der Frist für die Wie­der­be­för­de­rung auf zwei Jah­re in den Dienst­grad eines Stabs­feld­we­bels her­ab­ge­setzt.

Auf die Beru­fung des Sol­da­ten änder­te der Senat das Kam­mer­ur­teil im Aus­spruch über die Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me und ver­häng­te gegen ihn ein Beför­de­rungs­ver­bot für die Dau­er von zwei Jah­ren.

Grün­de:

Das Dienst­ver­ge­hen wiegt schwer. Denn eine unwür­di­ge, demü­ti­gen­de oder ehr­ver­let­zen­de Behand­lung Unter­ge­be­ner ist für einen Sol­da­ten in Vor­ge­setz­ten­stel­lung stets ein sehr ernst zu neh­men­des Fehl­ver­hal­ten; sie ver­stößt gegen die Wehr­ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und gegen die Prin­zi­pi­en der Inne­ren Füh­rung der Bun­des­wehr. Nach Art. 1 Abs. 1 GG ist die Wür­de des Men­schen unan­tast­bar; sie zu ach­ten und zu schüt­zen, ist Ver­pflich­tung aller staat­li­chen Gewalt. Die­ses Gebot gilt auch für die Streit­kräf­te als Teil der Exe­ku­ti­ve und bedarf im mili­tä­ri­schen Bereich mit sei­ner streng hier­ar­chi­schen Glie­de­rung sogar beson­de­rer Beach­tung. Wel­che Bedeu­tung der Gesetz­ge­ber dem Schutz Unter­ge­be­ner bei­misst, ergibt sich aus der Tat­sa­che, dass die Miss­hand­lung und ent­wür­di­gen­de Behand­lung Unter­ge­be­ner mit Frei­heits­stra­fe bedroht sind (§§ 30, 31 WStG). Ein Vor­ge­setz­ter, der Unter­ge­be­ne kör­per­lich miss­han­delt oder ent­wür­di­gend behan­delt, begeht nicht nur eine Wehr­straf­tat, son­dern auch eine schwer­wie­gen­de Dienst­pflicht­ver­let­zung (vgl. Urtei­le vom 2. Juli 1987 – BVerwG 2 WD 19.87 – , vom 6. Mai 1992 – BVerwG 2 WD 49.91 – , vom 21. Juli 1993 – BVerwG 2 WD 13.93 -, vom 28. Janu­ar 1999 – BVerwG 2 WD 17.98 – , vom 19. Juli 2000 – BVerwG 2 WD 6.00 – und vom 17. Okto­ber 2000 – BVerwG 2 WD 12.00, 13.00 – ).

Die Für­sor­ge­pflicht (§ 10 Abs. 3 SG) gehört zu den vor­nehms­ten Pflich­ten eines Vor­ge­setz­ten gegen­über sei­nen Unter­ge­be­nen, die das Gefühl haben müs­sen, dass sie vom Vor­ge­setz­ten nicht nur als Befehls­emp­fän­ger betrach­tet, son­dern in ihrer Per­so­nen­wür­de geach­tet und mit mensch­li­cher Rück­sicht­nah­me behan­delt wer­den. Die Kame­rad­schafts­pflicht ist nicht min­der wich­tig; denn „der Zusam­men­halt der Bun­des­wehr beruht wesent­lich auf Kame­rad­schaft“ (§ 12 Satz 1 SG). Die dienst­li­chen Auf­ga­ben erfor­dern im Frie­den und in noch höhe­rem Maße im Ver­tei­di­gungs­fall gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en und das Bewusst­sein, sich bedin­gungs­los auf­ein­an­der ver­las­sen zu kön­nen. Ein Vor­ge­setz­ter, der die Rech­te, die Ehre oder die Wür­de sei­ner Kame­ra­den ver­letzt, unter­gräbt den dienst­li­chen Zusam­men­halt, stört den Dienst­be­trieb und beein­träch­tigt damit letzt­lich auch die Ein­satz­be­reit­schaft der Trup­pe (vgl. Urtei­le vom 23. Novem­ber 1989 – BVerwG 2 WD 50.86 – , vom 18. Juli 1995 – BVerwG 2 WD 32.94 – und vom 10. Novem­ber 1998 – BVerwG 2 WD 4.98 – ). Ein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten gegen­über Kame­ra­den hat nichts mit mili­tä­risch not­wen­di­ger Här­te oder mit Kame­rad­schaft zu tun, son­dern zer­stört die Auto­ri­tät des Vor­ge­setz­ten, das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en und die Bereit­schaft, für­ein­an­der ein­zu­ste­hen (vgl. Urtei­le vom 2. Juli 1987 – BVerwG 2 WD 19.87 – ). Nur auf Über­zeu­gung und Ver­trau­en baut der Gehor­sam auf, des­sen die Bun­des­wehr im All­ge­mei­nen bzw. ein Vor­ge­setz­ter inner­halb des mili­tä­ri­schen Gefü­ges im Beson­de­ren bedarf. Pflicht­ver­let­zun­gen der vor­lie­gen­den Art sind daher dem mili­tä­ri­schen Zusam­men­halt und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Trup­pe in hohem Maße abträg­lich und wer­den von der Öffentlichkeit regel­mä­ßig mit Befrem­den zur Kennt­nis genom­men. Dies gilt auch für einen Vor­ge­setz­ten, der ent­ge­gen der Rege­lung des § 17 Abs. 2 Satz 1 SG sei­ne Dienst­pflicht zur Ach­tungs- und Ver­trau­ens­wah­rung im Dienst aufs Spiel setzt und gege­be­nen­falls ver­letzt.

Für die Fest­stel­lung eines Dienst­ver­ge­hens kommt es nicht dar­auf an, in wel­cher Form ein Sol­dat den Tat­be­stand der Demü­ti­gung oder Ernied­ri­gung Drit­ter ver­wirk­licht hat. Es genü­gen schon ver­ba­le Äuße­run­gen, um die dienst­li­che Auto­ri­tät des Vor­ge­setz­ten zu unter­gra­ben, die Gehor­sams­be­reit­schaft sei­ner Unter­ge­be­nen zu beein­träch­ti­gen und das Ver­trau­en zu zer­stö­ren, dass er als Vor­ge­setz­ter gerecht, unpar­tei­isch und sach­lich sei­nen Dienst ver­rich­tet (vgl. Urteil vom 10. Novem­ber 1998 – BVerwG 2 WD 4.98 – ). Fer­ner ist es uner­heb­lich, ob die Ach­tungs- und Ver­trau­ens­wür­dig­keit des Vor­ge­setz­ten durch das ange­schul­dig­te Ver­hal­ten tat­säch­lich ernst­haft beein­träch­tigt wur­de; viel­mehr kommt es dar­auf an, ob die­ses dazu geeig­net war (vgl. Urtei­le vom 6. Dezem­ber 1988 – BVerwG 2 WD 11.88 – m.w.N., vom 29. Janu­ar 1991 – BVerwG 2 WD 18.90 – m.w.N. und vom 10. Novem­ber 1998 – BVerwG 2 WD 4.98 – ).

Ein Offi­zier oder Por­te­pee-Unter­of­fi­zier, der einen Unter­ge­be­nen kör­per­lich miss­han­delt, ent­wür­digt, demü­tigt oder ihm in vor­werf­ba­rer Wei­se, ins­be­son­de­re bös­wil­lig, den Dienst erschwert, dis­qua­li­fi­ziert sich in sei­ner Vor­ge­setz­ten­stel­lung, auch wenn für den Betrof­fe­nen dar­aus kei­ne unmit­tel­ba­re gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gung resul­tiert. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Senats hat daher in Fäl­len einer Miss­hand­lung, ent­wür­di­gen­den oder demü­ti­gen­den Behand­lung von Unter­ge­be­nen – auch aus gene­ral­prä­ven­ti­ven Grün­den – eine „rei­ni­gen­de Maß­nah­me“ Aus­gangs­punkt der Zumes­sungs­er­wä­gun­gen zu sein (vgl. Urtei­le vom 12. Juli 1990 – BVerwG 2 WD 4.90 – , vom 12. Juni 1991 – BVerwG 2 WD 53, 54.90 – , vom 20. August 1991 – BVerwG 2 WD 14.91 – , vom 18. März 1997 – BVerwG 2 WD 29.95 – m.w.N. und vom 19. Juli 2000 – BVerwG 2 WD 6.00 -). Die erfor­der­li­che und ange­mes­se­ne Maß­nah­me­art ist in der­ar­ti­gen Fäl­len eines Fehl­ver­hal­tens zu Las­ten Unter­ge­be­ner je nach sei­ner Eigen­art, Schwe­re und sei­nen Aus­wir­kun­gen regel­mä­ßig die Her­ab­set­zung im Dienst­grad. Soweit es sich um das Ver­sa­gen eines Sol­da­ten auf Zeit in Vor­ge­setz­ten­stel­lung han­delt, ist regel­mä­ßig die Her­ab­set­zung in einen Mann­schafts­dienst­grad in Betracht zu zie­hen, und soweit es sich um einen Berufs­sol­da­ten han­delt, kann sei­ne Dis­qua­li­fi­ka­ti­on als Vor­ge­setz­ter unter Umstän­den zur Ent­fer­nung aus dem Dienst­ver­hält­nis füh­ren. Wie der Senat wie­der­holt her­vor­ge­ho­ben hat, bedarf es in die­sen Fäl­len erheb­li­cher Mil­de­rungs­grün­de, um die Dienst­grad­her­ab­set­zung ledig­lich auf einen Dienst­grad zu beschrän­ken oder um von ihr über­haupt abse­hen zu kön­nen (vgl. Urtei­le vom 20. August 1991 – BVerwG 2 WD 14.91 – , vom 18. März 1997 – BVerwG 2 WD 29.95 – m.w.N. und vom 19. Juli 2000 – BVerwG 2 WD 6.00 -). Denn das Gebot, die Wür­de, die Ehre und die Rech­te von Kame­ra­den zu ach­ten, ist nicht um des ein­zel­nen Sol­da­ten wil­len in das Sol­da­ten­ge­setz auf­ge­nom­men wor­den, son­dern soll Hand­lungs­wei­sen ver­hin­dern, die objek­tiv geeig­net sind, den mili­tä­ri­schen Zusam­men­halt und mit­hin das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en sowie die Bereit­schaft zum gegen­sei­ti­gen Ein­ste­hen zu gefähr­den (vgl. Urtei­le vom 20. Mai 1981 – BVerwG 2 WD 9.80 – , vom 20. August 1991 – BVerwG 2 WD 14.91 – , vom 18. März 1997 – BVerwG 2 WD 29.95 – und vom 19. Juli 2000 – BVerwG 2 WD 6.00 -).

Nach der Recht­spre­chung des Senats (Urtei­le vom 9. Febru­ar 1993 – BVerwG 2 WD 24.92 – und vom 28. Janu­ar 1999 – BVerwG 2 WD 17.98 – ) ist es daher uner­heb­lich, wel­che Absich­ten der Sol­dat mit einem den Betrof­fe­nen demü­ti­gen­den oder gesund­heit­lich beein­träch­ti­gen­den Fehl­ver­hal­ten ver­folgt oder ob eine Miss­hand­lung im kon­kre­ten Ein­zel­fall ins­ge­samt noch glimpf­lich aus­ge­gan­gen ist; denn der Gedan­ken­lo­sig­keit, Leicht­fer­tig­keit und bil­li­gen­den Inkauf­nah­me von Ver­stö­ßen gegen die Für­sor­ge- und Kame­rad­schafts­pflicht darf nicht dadurch Vor­schub geleis­tet wer­den, dass die dis­zi­pli­na­re Maß­re­ge­lung von deren Aus­gang abhän­gig gemacht wird. Dies wür­de sonst dazu bei­tra­gen, dass Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit in der Trup­pe um sich grei­fen und letzt­lich der unzu­tref­fen­de Ein­druck erweckt wer­den wür­de, in der Bun­des­wehr wer­de die unan­tast­ba­re Men­schen­wür­de von Unter­ge­be­nen ver­letzt. Aller­dings folgt hier­aus im Umkehr­schluss, dass es für die Ein­stu­fung des Dienst­ver­ge­hens nach Eigen­art, Schwe­re und Umfang dar­auf ankommt, ob und inwie­weit das Fehl­ver­hal­ten objek­tiv dazu geeig­net war, den betrof­fe­nen Unter­ge­be­nen und Kame­ra­den see­lisch oder kör­per­lich zu beein­träch­ti­gen, und ob die­se Beein­träch­ti­gung gege­be­nen­falls nach­wirkt. Eine sadis­ti­sche oder men­schen­ver­ach­ten­de Ein­stel­lung des Vor­ge­setz­ten gegen­über sei­nen Unter­ge­be­nen wirkt sich dar­über hin­aus erschwe­rend aus.

Hier­nach liegt der Schwer­punkt des Dienst­ver­ge­hens in der vor­ge­wor­fe­nen Nöti­gung des dama­li­gen Gefrei­ten T., dem der Sol­dat „den rech­ten Arm um die Schul­ter leg­te“, den er „in gebeug­ter Hal­tung auf den Flur führ­te, wo er die an den Stu­ben­tü­ren ange­brach­ten Bele­gungs­über­sich­ten vor­le­sen muss­te oder der Sol­dat sie selbst vor­las“ und auf die­se Wei­se vor meh­re­ren Kame­ra­den der Lächer­lich­keit preis­gab. Dar­auf, ob der Griff, mit dem der Sol­dat den Zeu­gen T. gebeugt hielt, im Sin­ne der Anschul­di­gungs­schrift als „Schwitz­kas­ten“ anzu­se­hen war, was der Zeu­ge K. aus­drück­lich ver­neint hat, ist das Kam­mer­ur­teil in der tat­säch­li­chen Wür­di­gung nicht ein­ge­gan­gen, obwohl dies aus­drück­lich ange­schul­digt war, sodass es einen sol­chen Vor­wurf (Anwen­dung eines Schwitz­kas­tens gegen­über dem Zeu­gen T.) weder sei­ner recht­li­chen Wür­di­gung noch sei­nen Zumes­sungs­er­wä­gun­gen zugrun­de gelegt hat; im Übri­gen hat der Zeu­ge dem Sol­da­ten – unwi­der­legt – kei­nen kör­per­li­chen und ver­ba­len Wider­stand geleis­tet, mit der Fol­ge, dass nicht fest­steht, ob ihm, wie bei einem Schwitz­kas­ten üblich, etwa die Luft­zu­fuhr abge­drückt und/oder Schmer­zen zuge­fügt wur­den.

Zuguns­ten des Sol­da­ten fällt außer­dem ins Gewicht, dass er sich bei dem Zeu­gen T. vor ver­sam­mel­ter Mann­schaft im Unter­richts­raum der Ein­heit ent­schul­digt und damit jeden­falls den ernst­haf­ten Ver­such unter­nom­men hat, des­sen Demü­ti­gung im Kame­ra­den­kreis dadurch aus­zu­glei­chen, dass er ihm eine ver­ba­le Genug­tu­ung vor dem­sel­ben „Publi­kum“ gege­ben hat. Wenn­gleich der Anstoß für die­se Ent­schul­di­gung vom Kom­man­deur der Ein­heit – nach Ein­gang der Beschwer­de des Zeu­gen T. – kam und der Zeu­ge die Ent­schul­di­gung als unzu­rei­chen­den Aus­gleich ansah, weil er sich anschlie­ßend noch an die Wehr­be­auf­trag­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges wand­te, ist dem Sol­da­ten zugu­te zu hal­ten, dass er jeden­falls eine Form der Ent­schul­di­gung gewählt hat, die dem Zeu­gen T. als Ver­söh­nung hät­te aus­rei­chen kön­nen und die­ses Ergeb­nis auch errei­chen soll­te.

Erschwe­rend ist jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass der Sol­dat sei­ne Befehls­be­fug­nis miss­braucht hat, indem er die Wei­sung erteil­te, eine lie­gen­ge­las­se­ne Näs­se­schutz­ja­cke von nicht uner­heb­li­chem Wert zurück­zu­be­hal­ten, die dem Berech­tig­ten erst gegen eine Spen­de für das Sol­da­ten­hilfs­werk her­aus­ge­ge­ben wer­den soll­te. Der Umstand, dass der Sol­dat – nach sei­ner Ein­las­sung in der erst­in­stanz­li­chen Haupt­ver­hand­lung – damit eine erzie­he­ri­sche Inten­ti­on ver­folg­te, weil die­se Spen­de nicht der per­sön­li­chen Berei­che­rung von Kame­ra­den, son­dern einem „guten“ Zweck die­nen soll­te und die Ver­mö­gens­ge­fähr­dung des Betrof­fe­nen ver­hält­nis­mä­ßig gering ein­zu­stu­fen war, recht­fer­tigt kein der­ar­ti­ges Fehl­ver­hal­ten gegen­über dem Ver­lie­rer der Näs­se­schutz­ja­cke, auch wenn des­sen Gewicht ins­ge­samt in einem mil­de­ren Licht erscheint. Denn das vom Sol­da­ten ver­an­lass­te rechts­miss­bräuch­li­che Vor­ge­hen der Geschäfts­zim­mer­sol­da­ten hat bei Unter­ge­be­nen und Kame­ra­den des Sol­da­ten Unru­he und Ver­un­si­che­rung her­vor­ge­ru­fen und damit nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf den Dienst­be­trieb gehabt. Der Sol­dat hat sich zwar dahin ein­ge­las­sen, er habe den Geschäfts­zim­mer­sol­da­ten nicht „befoh­len“, dem Betrof­fe­nen Geld „abzu­knöp­fen“, aber zum Aus­druck gebracht, dass die Jacke dem Berech­tig­ten nur gegen eine Spen­de für das Sol­da­ten­hilfs­werk her­aus­ge­ge­ben wer­den soll­te. Auf­grund sei­ner Aus­bil­dung ist zu sei­nen Las­ten davon aus­zu­ge­hen, dass er in Kennt­nis und vol­lem Bewusst­sein der Rechts­la­ge han­del­te, näm­lich dass es sich inso­weit um ein rechts­miß­bräu­li­ches Ver­hal­ten zu Las­ten des Betrof­fe­nen han­del­te.

Hin­ge­gen kann dem her­ab­wür­di­gen­den Tadel bzw. den völ­lig unan­ge­mes­se­nen Bemer­kun­gen kein ent­schei­den­des Gewicht bei­gemes­sen wer­den. Soweit sich der Sol­dat dem Zeu­gen F. gegen­über im Ton ver­grif­fen hat, indem er ihn zunächst wegen man­gel­haf­ter Deutsch­kennt­nis­se laut­stark ange­fah­ren hat, hat er dies nicht mit per­sön­lich ent­wer­ten­den oder belei­di­gen­den Bemer­kun­gen getan, son­dern sich sodann sach­lich mit dem Anlie­gen des Zeu­gen befasst; er hat den Zeu­gen auch nicht vor Drit­ten bloß­ge­stellt, da der im Vor­zim­mer sit­zen­de Zeu­ge M. zwar die erhöh­te Laut­stär­ke wahr­ge­nom­men, den Wort­laut als sol­chen jedoch erst spä­ter vom Zeu­gen F. erfah­ren hat. Des Wei­te­ren hat­ten die Bemer­kun­gen des Sol­da­ten zum all­ge­mei­nen Ver­hal­ten beim Zap­fen­streich und zum Zustand des Dusch­hand­tuchs zwar einen sexis­ti­schen Bezug, waren aber erkenn­bar nicht in der Absicht geäu­ßert, die anwe­sen­den Zeu­gen sexu­ell zu bedrän­gen oder sich ihnen zu nähern, und wur­den von die­sen auch nicht so auf­ge­fasst.

Nicht jede unfreund­li­che, unan­ge­mes­se­ne, grob geschmack­lo­se Bemer­kung oder jeder „locke­re“ Spruch, die die gebo­te­ne Zurück­hal­tung ver­mis­sen las­sen, ist bereits Aus­druck der Miss­ach­tung des Wer­tes, der dem Men­schen kraft sei­nes Per­son­seins zukommt, und ver­letzt damit den sozia­len Wert- und Ach­tungs­an­spruch des Betrof­fe­nen. Die Ein­schät­zung, ob hier­in eine ernied­ri­gen­de Behand­lung liegt, wird viel­mehr durch die erkenn­bar gewor­de­ne sub­jek­ti­ve Ziel­rich­tung mit­be­stimmt, die der Äuße­rung zugrun­de liegt (vgl. BVerfG, Urteil vom 15. Dezem­ber 1970, – 2 BvF 1/69, 2 BvR 629/68 und 308/69 – , Zip­pe­li­us in: Bon­ner Kom­men­tar Art. 1 Abs. 1 und 2 GG, RNr. 62). Im Übri­gen kann der Ein­zel­ne über sei­nen Ach­tungs­an­spruch weit­ge­hend, wenn auch nicht gren­zen­los, selbst ver­fü­gen (Zip­pe­li­us in: a.a.O. RNrn. 81, 40), sodass eine Äuße­rung nicht los­ge­löst vom kon­kre­ten Emp­fän­ger­ho­ri­zont, der in aller Regel durch das Umfeld, die Üblich­keit eines bestimm­ten Umgangs­tons und die per­sön­li­che Emp­find­lich­keit beein­flusst wird, zu bewer­ten ist. Wenn Adres­sa­ten eine Bemer­kung nicht als ehr­ver­let­zend oder demü­ti­gend, son­dern gar als „wit­zig“ emp­fun­den bzw. dar­auf über­haupt nicht reagiert haben, kann ohne wei­ter­ge­hen­de Anhalts­punk­te nicht von einer ernied­ri­gen­den Behand­lung der Adres­sa­ten aus­ge­gan­gen wer­den, selbst wenn der Sol­dat im Dienst damit zwei­fels­frei den – der ihm ent­ge­gen­ge­brach­ten Ach­tung ange­mes­se­nen – Ton ver­fehlt hat. Die­se Inter­pre­ta­ti­on des Art. 1 Abs. 1 GG hat auch in der Rege­lung des Art. 10 § 2 Abs. 2 Nr. 2 Zwei­tes Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­setz vom 24. Juni 1994 (BGBl. I 1994, S. 1406 [1412/13]) Aus­druck gefun­den, soweit dort von „Bemer­kun­gen sexu­el­len Inhalts, die von den Betrof­fe­nen erkenn­bar abge­lehnt wer­den“, als einer Aus­prä­gung sexu­ell bestimm­ten Ver­hal­tens die Rede ist.

Erschwe­rend fällt nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Senats (vgl. Urtei­le vom 10. Juli 1996 – BVerwG 2 WD 5.96 – und vom 23. April 1997 – BVerwG 2 WD 42.96 – ) fer­ner ins Gewicht, dass das dem Sol­da­ten vor­ge­wor­fe­ne Fehl­ver­hal­ten zur Ablö­sung von sei­nem Dienst­pos­ten geführt und damit nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf die Per­so­nal­pla­nung und ‑füh­rung ver­ur­sacht hat.

Dem­ge­gen­über hat­te der Senat zuguns­ten des Sol­da­ten erheb­li­che Tat­mil­de­rungs­grün­de zu berück­sich­ti­gen. Sie lie­gen nach sei­ner stän­di­gen Recht­spre­chung dann vor, wenn die Situa­ti­on, in der der Sol­dat ver­sagt hat, von so außer­ge­wöhn­li­chen Umstän­den gekenn­zeich­net war, dass ein an nor­ma­len Maß­stä­ben ori­en­tier­tes Ver­hal­ten nicht mehr erwar­tet und daher auch nicht vor­aus­ge­setzt wer­den konn­te. Hier­un­ter fal­len u. a. die unbe­dach­te, im Grun­de per­sön­lich­keits­frem­de Augen­blick­s­tat eines ansons­ten tadel­frei­en und im Dienst bewähr­ten Sol­da­ten (vgl. Urtei­le vom 9. März 1995 – 2 WD 1.95 – m.w.N., vom 24. Janu­ar 1996 – 2 WD 26.95 – und vom 18. März 1997 – 2 WD 29.95 – sowie ein Han­deln in einer kör­per­li­chen oder see­li­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on (vgl. Urtei­le vom 15. Okto­ber 1986 – BVerwG 2 WD 30.86 -, vom 14. Novem­ber 1996 – 2 WD 31.96 – und vom 1. Sep­tem­ber 1997 – BVerwG 2 WD 13.97 – ) bzw. eine außer­ge­wöhn­li­che situa­ti­ons­be­ding­te Erschwer­nis der Erfül­lung des Auf­trags (Urteil vom 28. Janu­ar 1999 – BVerwG 2 WD 17.98 – ).

Das ange­schul­dig­te Fehl­ver­hal­ten des Sol­da­ten stellt sich im Hin­blick auf die lang­jäh­ri­ge unta­de­li­ge Füh­rung des Sol­da­ten und den Hand­lungs­ab­lauf am 22. Novem­ber 1999 als unbe­dach­te Augen­blick­s­tat dar. In sei­nen Beur­tei­lun­gen wird der Sol­dat zwar teil­wei­se als unbe­que­mer Vor­ge­setz­ter cha­rak­te­ri­siert, gleich­zei­tig aber durch­weg auch sein kame­rad­schaft­li­ches Enga­ge­ment her­vor­ge­ho­ben, das auch in den ihm erteil­ten förm­li­chen Aner­ken­nun­gen Aus­druck gefun­den hat. Ins­be­son­de­re erge­ben sich – auch im Hin­blick auf die übri­gen Anschul­di­gungs­punk­te – kei­ner­lei Anhalts­punk­te dafür, dass er sich bös­ar­tig oder schi­ka­nös ver­hal­ten hat. Die Ver­diens­te und das Anse­hen, die sich der Sol­dat im ehe­ma­li­gen Kame­ra­den­kreis erwor­ben hat, haben viel­mehr sowohl zu kol­lek­ti­ven als auch indi­vi­du­el­len Soli­da­ri­täts­be­kun­dun­gen geführt, die dafür spre­chen, dass er sich gegen­über sei­nen Unter­ge­be­nen ansons­ten kor­rekt ver­hal­ten oder sogar ihr Ver­trau­en in beson­de­rem Maße erwor­ben hat. Hin­zu kamen die beson­de­ren Umstän­de des 22. Novem­ber 1999, an dem die Übungs­wo­che auf dem Trup­pen­übungs­platz S. begann. Der für die gesam­te Orga­ni­sa­ti­on im Wesent­li­chen allein zustän­di­ge Sol­dat, dem die ört­li­chen Beson­der­hei­ten des Trup­pen­übungs­plat­zes nicht mehr geläu­fig waren und der sich des­halb über­for­dert fühl­te, hat­te ins­be­son­de­re mit einer Viel­zahl wit­te­rungs­be­ding­ter und orga­ni­sa­to­ri­scher Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen, die den Ver­tre­ter sei­nes Bat­te­rie­chefs als Vor­ge­setz­ten zu einer kri­ti­schen Bemer­kung ihm gegen­über ver­an­lass­ten. Die dar­aus resul­tie­ren­de Ver­är­ge­rung des Sol­da­ten, der nach Aus­sa­ge des Leu­munds­zeu­gen ger­ne alles „ord­nungs­ge­mäß und sau­ber“ erle­dig­te, ent­lud sich sodann in einer spon­ta­nen Über­re­ak­ti­on, als ihm gemel­det wur­de, dass der dama­li­ge Ober­ge­frei­te T. trotz genau­er nament­li­cher Beschil­de­rung in eine fal­sche Stu­be ein­ge­zo­gen war. Der Sol­dat fass­te daher das Ver­hal­ten des Zeu­gen, der sei­nen Vor­ge­setz­ten bereits des öfte­ren Anlass zu Ärger gege­ben hat­te, als Pro­vo­ka­ti­on auf und brach­te das mit der Äuße­rung „Wie immer T.!“ auch zum Aus­druck, „griff“ ohne Zögern rigo­ros „durch“, ohne dabei wei­te­re Über­le­gun­gen anzu­stel­len oder wei­te­re Rügen für den Betrof­fe­nen oder Dis­kus­sio­nen mit anwe­sen­den Kame­ra­den in Betracht zu zie­hen. Denn nach­dem er den Zeu­gen auf der rich­ti­gen Stu­be abge­setzt hat­te, ließ er sofort wie­der von ihm ab; das deu­tet ersicht­lich dar­auf hin, dass der Sol­dat kei­ne über den gege­be­nen Anlass hin­aus­ge­hen­den Maß­nah­men tref­fen woll­te. Gleich­wohl war, wie die Trup­pen­dienst­kam­mer zutref­fend her­vor­ge­ho­ben hat, die Reak­ti­on des Sol­da­ten weder in irgend­ei­ner Hin­sicht zu recht­fer­ti­gen noch konn­te er sich zur Ent­las­tung inso­weit auf eine geziel­te Pro­vo­ka­ti­on oder auf Schwie­rig­kei­ten im Umgang mit Unter­ge­be­nen (vgl. hier­zu Urteil vom 24. Juni 1998 – BVerwG 2 WD 40.97 – m.w.N.) beru­fen. Unter die­sen situa­ti­ven Umstän­den sah sich der Sol­dat aller­dings zu einer ihm nicht wesens­ge­mä­ßen Spon­tan­re­ak­ti­on her­aus­ge­for­dert.

Hier­von kann aller­dings nicht für ein – des Wei­te­ren vor­ge­wor­fe­nes – Ver­hal­ten aus­ge­gan­gen wer­den. Denn die Zeu­gen M. und Mü., denen der Sol­dat die auf­ge­fun­de­ne Näs­se­schutz­ja­cke zur Auf­be­wah­rung über­ge­ben hat­te, hiel­ten das Ansin­nen des Sol­da­ten zunächst für einen Scherz und gaben ihm durch ihre Nach­fra­gen noch­mals Gele­gen­heit, sein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­lan­gen zu über­den­ken und zu revi­die­ren; davon mach­te der Sol­dat jedoch kei­nen Gebrauch, son­dern kon­kre­ti­sier­te sei­ne Vor­stel­lung, dem Ver­lie­rer der Näs­se­schutz­ja­cke eine Spen­de „abzu­knöp­fen“.

Vor allem ist dem Sol­da­ten zugu­te zu hal­ten, dass alle ange­schul­dig­ten Vor­fäl­le in eine Zeit­span­ne fie­len, in der er außer­or­dent­li­chen psy­chi­schen Belas­tun­gen aus­ge­setzt war. Wäh­rend er sich in die für ihn frem­den Ver­hält­nis­se am neu­en Stand­ort ein­ar­bei­ten muss­te und sogleich mit erheb­li­chem Auf­wand bemüh­te, die von sei­nem Bat­te­rie­chef und ihm selbst gefor­der­te bzw. als wün­schens­wert ange­se­he­ne Ord­nung zu schaf­fen, war sein Chef nur weni­ge Tage im Stand­ort anwe­send, da er ent­we­der an Lehr­gän­gen teil­nahm oder im Aus­land ein­ge­setzt war. Neben Anpas­sungs­schwie­rig­kei­ten sei­ner Unter­ge­be­nen an den neu­en Füh­rungs­stil des Sol­da­ten bestimm­ten noch per­so­nel­le Que­re­len das Arbeits­kli­ma in dem aus ver­schie­de­nen Trup­pen­tei­len zusam­men­ge­leg­ten Batail­lon. Dem Sol­da­ten, der schon in ver­hält­nis­mä­ßig jun­gen Jah­ren einen her­aus­ge­ho­be­nen Dienst­grad erreicht hat­te, wur­de in der Ein­heit von Anfang an signa­li­siert, dass er uner­wünscht war. Nach sei­ner unwi­der­leg­ten, glaub­haf­ten Ein­las­sung hat­te der Senat von fol­gen­der Ein­schät­zung tat­mil­dern­der Kom­po­nen­ten eines viel­schich­ti­gen „Belas­tungs­syn­droms“ des Sol­da­ten aus­zu­ge­hen:

1. einer zuneh­mend spür­ba­ren „Span­nungs­la­ge“ in der Ein­heit ab Mit­te Okto­ber 1999, die nicht nur durch erhöh­te dienst­li­che Belas­tung oder außer­or­dent­li­che dienst­li­che Anfor­de­run­gen begrün­det, son­dern vor allem auch durch die Ver­set­zung des Sol­da­ten, der als beson­ders leis­tungs- und durch­set­zungs­fä­hi­ger Bat­te­rie­feld­we­bel aus­ge­wie­sen war, in einen Ver­band mit unter­schied­li­chen Inter­es­sen­grup­pen bedingt war, einer­seits den wehr­pflich­ti­gen Geschäfts­zim­mer­sol­da­ten und ande­rer­seits den Por­te­pee-Unter­of­fi­zie­ren, die sich bei der Nach­be­set­zung des Dienst­pos­tens des Bat­te­rie­feld­we­bels über­gan­gen fühl­ten, und die jeweils die Ver­wirk­li­chung eige­ner Vor­stel­lun­gen oder per­sön­li­cher Inter­es­sen gefähr­det sahen;

2. einer psy­chi­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on, die durch die Beob­ach­tung des Sol­da­ten aus­ge­löst und zuneh­mend ver­stärkt wur­de, dass er auf Wider­stand bei den Inter­es­sen­grup­pen stieß, die ihn z.B. nicht nur bei der Ver­an­stal­tung eines gesel­li­gen Kame­rad­schafts­abends bewusst „auf­lau­fen“ lie­ßen, son­dern auch bei der von ihm ver­an­lass­ten Vor­be­rei­tung des Trup­pen­übungs­platz­auf­ent­hal­tes „im Stich lie­ßen“ bzw. nicht unter­stütz­ten, so dass die Vor­be­rei­tun­gen für das Bat­te­rie­schie­ßen bei Ein­tref­fen der Ein­heit nicht getrof­fen waren, dem­zu­fol­ge er, der Sol­dat, die Umset­zung des Auf­tra­ges kurz­fris­tig selbst über­neh­men muss­te und völ­lig allein gelas­sen war; infol­ge die­ser gegen­läu­fi­gen Agi­ta­ti­on sah sich der Sol­dat tat­säch­lich gehin­dert, den dienst­li­chen Auf­trag zur Durch­füh­rung eines Übungs­schie­ßens der Ein­heit zeit- und sach­ge­recht zu erfül­len. Nach Beob­ach­tung sei­ner Ehe­frau hat­te der Sol­dat seit die­ser Zeit „das Lachen ver­lernt“, war im Unter­schied zu der frü­he­ren dienst­li­chen Belas­tung in H. stän­dig frus­triert und ein „ande­rer Mensch“ gewor­den;

3. dem sich ver­stär­ken­den Ein­druck eines gegen ihn gerich­te­ten „Mob­bing“ aus der eige­nen Ein­heit, ersicht­lich, um sei­ne Auf­trags­er­fül­lung zu stö­ren oder jeden­falls zu erschwe­ren und ihn dadurch zu ver­un­si­chern bzw. zu demo­ti­vie­ren; vor allem litt er unter wie­der­hol­ten Irri­ta­tio­nen und Belas­tun­gen durch anony­me Droh­an­ru­fe in sei­ner Pri­vat­sphä­re bis 24.00 Uhr oder ab 4.00 Uhr mor­gens, durch die sein Selbst­ver­ständ­nis und sei­ne Selbst­be­herr­schung in zuneh­men­dem Maße nach­hal­tig beein­träch­tigt wur­den.

Dies führ­te zu einer – auch für den Batail­lons­kom­man­deur sicht­ba­ren – nerv­li­chen Ange­spannt­heit des Sol­da­ten. Sei­ne Ver­su­che, die Hil­fe sei­ner Vor­ge­setz­ten zu erlan­gen, hat­ten aber kei­nen Erfolg. Nach den Fest­stel­lun­gen des Trup­pen­dienst­ge­richts stand er – ohne die gebo­te­ne effek­ti­ve Dienst­auf­sicht und Für­sor­ge sei­ner Vor­ge­setz­ten – einer „ver­schwo­re­nen Gemein­schaft“ allein gegen­über. Die Kam­mer konn­te in ihren den Senat bin­den­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen nicht aus­schlie­ßen, dass die Anfein­dun­gen ein Aus­maß erreicht hat­ten, das sie als geziel­tes „Mob­bing“ qua­li­fi­zier­te.

Es ist in der arbeits­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung inzwi­schen aner­kannt, dass sog. „Mob­bing“, näm­lich das sys­te­ma­ti­sche Anfein­den, Schi­ka­nie­ren und Dis­kri­mi­nie­ren von Beschäf­tig­ten unter­ein­an­der oder durch Vor­ge­setz­te (vgl. BAG, Beschluss vom 15. Janu­ar 1997 – 7 ABR 14/96 – ), – über gewöhn­li­che, von jeder­mann zu bewäl­ti­gen­de beruf­li­che Schwie­rig­kei­ten hin­aus­geht und einen schwer­wie­gen­den Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht, die Ehre und/oder Gesund­heit des Betrof­fe­nen dar­stel­len kann, der gege­be­nen­falls zu Maß­nah­men, wie zum Bei­spiel einer Kün­di­gung des Täters oder Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen des Opfers berech­tigt (vgl. dazu LAG Thü­rin­gen, Urtei­le vom 10. April 2001 – 5 Sa 403/00 – und vom 15. Febru­ar 2001 – 5 Sa 102/00 – m.w.N.). Unge­ach­tet der zivil­recht­li­chen Fol­gen, die sich aus kon­kre­ten Umstän­den des Ein­zel­fal­les ablei­ten las­sen, kann in dis­zi­pli­nar­recht­li­cher Hin­sicht eine Zusam­men­schau mit sons­ti­gen dienst­li­chen Erschwer­nis­sen erge­ben, dass dem Sol­da­ten sowohl eine see­li­sche Aus­nah­me­si­tua­ti­on als auch eine außer­ge­wöhn­li­che situa­ti­ons­be­ding­te Erschwer­nis der Erfül­lung sei­nes Auf­trags im Sin­ne der o.a. Senats­recht­spre­chung zuzu­bil­li­gen sind (vgl. Urtei­le vom 15. Okto­ber 1986 – BVerwG 2 WD 30.86 – und vom 1. Sep­tem­ber 1997 – BVerwG 2 WD 13.97 – sowie vom 28. Janu­ar 1999 – BVerwG 2 WD 17.98 – ). Unter sol­chen Umstän­den ist es nach­voll­zieh­bar, dass der Sol­dat, des­sen Per­sön­lich­keit erkenn­bar von sei­nem Tem­pe­ra­ment geprägt ist, dies in gerin­ge­rem Maße als üblich zu zügeln ver­moch­te, und gele­gent­lich über­trie­ben gereizt reagier­te bzw. sich im Ton ver­griff.

Des Wei­te­ren sind zu Guns­ten des Sol­da­ten als per­sön­li­che Mil­de­rungs­grün­de sei­ne her­aus­ra­gen­den dienst­li­chen Leis­tun­gen sowie die ihm erteil­ten Aus­zeich­nun­gen, die fünf förm­li­chen Aner­ken­nun­gen, die ins­be­son­de­re durch die Begrün­dung der am 7. Juni 2002 erteil­ten förm­li­chen Aner­ken­nung eine Nach­be­wäh­rung auf­wei­sen, die ihm anläss­lich eines Hoch­was­ser­ein­sat­zes ver­lie­he­ne Aus­zeich­nung und sei­ne tadel­freie Füh­rung in und außer Dienst zu berück­sich­ti­gen. Vor allem hat der Sol­dat glaub­haft Reue gezeigt und sowohl in der erst­in­stanz­li­chen Haupt­ver­hand­lung als auch in der Beru­fungs­haupt­ver­hand­lung ein sehr posi­ti­ves Per­sön­lich­keits­bild gebo­ten.

Unter Abwä­gung aller be- und ent­las­ten­den Umstän­de hat der Senat hier zur Ahn­dung des – vom Trup­pen­dienst­ge­richt bin­dend fest­ge­stell­ten – Dienst­ver­ge­hens kei­ne Degra­die­rung des Sol­da­ten als „rei­ni­gen­de Maß­nah­me“ in Betracht gezo­gen, son­dern ledig­lich die Ver­hän­gung eines Beför­de­rungs­ver­bots für die Dau­er von zwei Jah­ren als tat- und schuld­an­ge­mes­sen ange­se­hen.

Dr. Schwandt Prof. Dr. Wid­mai­er Dr. Dei­s­eroth

© Alle Rechte vorbehalten.