Sperr­zeit bei Abwick­lungs­ver­trag – Bun­des­so­zi­al­ge­richt, B 11 AL 35/03

Sperr­zeit bei Abwick­lungs­ver­trag – Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 18.12.2003, B 11 AL 35/03

Arbeits­lo­sen­geld­an­spruch – Ruhen – Sperr­zeit – Arbeits­auf­ga­be – Abwick­lungs­ver­trag – tarif­ver­trag­li­cher Aus­schluss der ordent­li­chen Kün­di­gung – wich­ti­ger Grund – Recht­mä­ßig­keit der Arbeit­ge­ber­kün­di­gung – Wirk­sam­keit einer tarif­li­chen Rege­lung

Leit­sät­ze (von Rechts­an­walt Busch­mann)

  1. Die bis­her von der Recht­spre­chung des BSG nicht ent­schie­de­ne Fra­ge, ob Ver­ein­ba­run­gen zwi­schen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer, die nach Aus­spruch einer Arbeit­ge­ber­kün­di­gung getrof­fen wer­den und die Kün­di­gung absi­chern sol­len, als Lösung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses zu behan­deln sind, ist im Anschluss an die Erwä­gun­gen des Senats im Urteil vom 9. Novem­ber 1995 – 11 RAr 27/95 – (BSGE 77, 48, 50 = SozR 3–4100 § 119 Nr 9) zu beja­hen.
  2. Es ent­spricht dem Zweck der Sperr­zeit­re­ge­lung, den Arbeit­neh­mer davon abzu­hal­ten, sich an der Been­di­gung des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses aktiv zu betei­li­gen. Es kann bei einer Bewer­tung des tat­säch­li­chen Gesche­hens­ab­laufs unter Ein­be­zie­hung der zu Grun­de lie­gen­den Inter­es­sen der Betei­lig­ten nicht zwei­fel­haft sein, dass der Arbeit­neh­mer auch durch den Abschluss eines soge­nann­ten Abwick­lungs­ver­tra­ges, in dem er aus­drück­lich oder kon­klu­dent auf die Gel­tend­ma­chung sei­nes Kün­di­gungs­rechts ver­zich­tet, einen wesent­li­chen Bei­trag zur Her­bei­füh­rung sei­ner Beschäf­ti­gungs­lo­sig­keit leis­tet. Dabei kann es nicht ent­schei­dend dar­auf ankom­men, ob eine Ver­ein­ba­rung über die Hin­nah­me der Arbeit­ge­ber­kün­di­gung vor oder nach deren Aus­spruch getrof­fen wird.
  3. Der vor­lie­gen­de Sach­ver­halt bie­tet kei­ne Ver­an­las­sung zu einer wei­ter­ge­hen­den Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Arbeit­ge­ber­kün­di­gung nach­fol­gen­de Ver­ein­ba­run­gen das Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis nicht im Sin­ne des § 144 Abs 1 Nr 1 SGB III lösen. Eine Aus­nah­me könn­te sein, wenn in einer nach Ablauf der Frist für die Erhe­bung der Kün­di­gungs­schutz­kla­ge (§ 4 Kün­di­gungs­schutz­ge­setz) und ohne vor­he­ri­ge Abspra­chen oder Ankün­di­gun­gen getrof­fe­nen Ver­ein­ba­rung ledig­lich Ein­zel­hei­ten zur Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses gere­gelt wer­den. Sol­che Ver­ein­ba­run­gen wer­den häu­fig kei­ne Rege­lun­gen in Bezie­hung zur Kün­di­gung tref­fen. Fer­ner könn­te eine beson­de­re Betrach­tung für Ver­ein­ba­run­gen gebo­ten sein, die ohne vor­he­ri­ge Abspra­che in einem arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren geschlos­sen wer­den, weil den Arbeit­neh­mer kei­ne Oblie­gen­heit des Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rungs­rechts zur Erhe­bung einer Kün­di­gungs­schutz­kla­ge trifft.

Anmer­kung von Rechts­an­walt Busch­mann:

Beim Abwick­lungs­ver­trag kün­digt der Arbeit­ge­ber, erst danach tref­fen Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer eine Ver­ein­ba­rung, den soge­nann­ten Abwick­lungs­ver­trag. Im Abwick­lungs­ver­trag nimmt der Arbeit­neh­mer die Kün­di­gung hin und erhält als Gegen­leis­tung eine Abfin­dung. Durch die­se Gestal­tung soll­te eine Sperr­zeit ver­mie­den wer­den, weil der Arbeit­neh­mer “nur” die Kün­di­gung hin­nimmt, nicht aber das Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis aktiv löst. Die Arbeits­äm­ter ver­häng­ten nach bis­he­ri­ger Wei­sungs­la­ge eine Sperr­zeit, wenn eine sol­che Abwick­lungs­ver­ein­ba­rung zeit­lich vor der Kün­di­gung getrof­fen wur­de – und sei es münd­lich oder ver­mit­telt über Drit­te – etwa Rechts­an­wäl­te. Der Sperr­zeit ent­ge­hen konn­te der mit dem – mög­li­cher­wei­se schwer zu füh­ren­den – Nach­weis, dass die Arbeit­ge­ber­kün­di­gung wirk­sam war. Auf der siche­ren Sei­te schien als Arbeit­neh­mer bis­her zu sein, wer die Abwick­lungs­ver­ein­ba­rung zeit­lich nach­fol­gend nach der Kün­di­gung traf. Hier­mit ist es vor­bei. Auf­grund der Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 18.12.2003 dürf­te der klas­si­sche Abwick­lungs­ver­trag zukünf­tig in in jeder Gestal­tungs­form zur Sperr­zeit füh­ren.

Arbeit­neh­mern dürf­te wenig ande­res übrig blei­ben, als Kün­di­gungs­schutz­kla­ge zu erhe­ben und erst vor dem Arbeits­ge­richt eine Eini­gung in Form eines Abfin­dungs­ver­gleichs zu tref­fen.

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